Immer wieder mal geistert ein Modellname durch's Forum, wird allerdings nur kurz erwähnt, verschwindet dann wieder in den Untiefen zwischen Diskussionen um Geräte, die noch gar nicht erhältlich sind. Bei diesem ist es anders: es gibt das Gerät nicht nur, nein: man bekommt es bereits, kaum auf dem Markt, für Preise deutlich unter der UVP. In meinem Fall habe ich knapp 180 € berappt und das Modell ist der Sharp RP-TT100. Eine blöde Namensgebung, wie ich finde: RP = Record Player = Plattenspieler, TT = Turntable = Plattenspieler.
Für die, die diesen Bericht angeklickt haben und keinen blassen Schimmer haben, was sie erwartet: es geht um ein Einsteiger-Modell der unteren Preisklasse, allerdings mit Vollausstattung - und das muss man wörtlich nehmen. Ich nehme allerdings einiges vorweg. Fangen wir von vorne an - mit dem Karton, den mir der Versandhandel vor die Tür gestellt hat. Ich habe es nämlich gewagt und so ein Gerät einfach mal bestellt
In dem Karton ist aber nicht das Gerät - nein - es ist wie eine Matroschka-Puppe :
Da wäre wohl noch Platz für einen zweiten Plattenspielerkarton in dem Umkarton gewesen. Auf dem Umkarton steht aber nix von wegen "2 Pcs" oder so... Der eigentliche Produktkarton ist schmuck, muss man sagen:
Die informativen Seiten sehen so aus:
Der Karton hat etwas von den Dingern, die in der Vorweihnachtszeit bei Norma in den Grabbelkörben liegen. Informativ ist der Karton schon. Wertig? Naja... also der Material schon, aber die Aufmachung? Schauen wir einmal hinein:
Das sieht erst einmal nicht schlecht aus. Und der Spieler ist im Karton auch gut verpackt:
Nehmen wir das Gerät mal heraus:
Aha, ein Umschlag mit dem Zettelkrams. Nicht schlecht gemacht:
Darin befindet sich eine veritable Bedienungsanleitung in drölf Sprachen, aber gut gemacht.
Packen wir das Ding mal weiter aus:
Und aus der Folie befreit:
Auch das ist gut verpackt!
Erste Details:
Das Schaumstoffdings am Gegengewicht ist super: es schützt das Gegengewicht (das übrigens perfekt verarbeitet ist) und sorgt auch dafür, dass der Tonarm sich nicht wegbewegen kann. Es gibt noch einen zweiten Hemmschutz, den man weiter oben sehen kann. Das macht Sinn, weil der Tonarm nicht arretierbar ist.
Getrennt einstellbare Geschwindigkeit und Plattengröße - damit können auch Maxis automatisch abgespielt werden!
Hier noch ein Blick auf die Tonarmstütze - wie gesagt: leider nicht arretierbar.
1/2"-Tonabnehmer wären zu benutzen - leider ist das Gegengewicht fest eingestellt. Und das Antiskating irgendwie auch (eine Feder o.ä. habe ich im Inneren allerdings nicht gefunden):
Die Haube ist gut geschützt und der Hammer. Sie ist perfekt, wenn auch aus dünnem Material. Mitunter bezahlt man für so eine Haube das, was ich für das gesamte Gerät hingelegt habe:
Die Rückseite hält eine Menge Anschlüsse bereit:
Klar, so ein Gerät hat einen eingebauten Phono-Pre. Das ist in der Klasse Standard und macht auch Sinn, denn Einsteiger, an die sich das Gerät richtet, haben in der Regel keinen Amp mit Phono-Vorstufe. Man könnte das Gerät auch einfach per Bluetooth mit Boxen verbinden oder per USB mit dem PC, wenn an diesem Lautsprecher hängen. Oder man nimmt Bluetooth-Kopfhörer (was übrigens erstaunlich gut klingt). Getestet habe ich die USB-Schnittstelle nicht und auch nicht den Ausgang mit abgeschaltetem internen Pre-Amp. Der interne tut's allerdings sehr gut!
Blick von unten auf das Gerät - es fällt auf, dass die Einstellung für die zwei Geschwindigkeiten direkt möglich ist, ohne das Gerät dafür öffnen zu müssen. Wir werden nachher sehen, dass der Motor die Elektronik dafür enthält.
Die Füße sind... naja. Sie dämpfen nicht viel. Und sind halt da. Und unterschiedlich lang, weil die Unterseite nicht plan ist, sondern diesen fetten Versatz hat. Auch das sehen wir später noch beim Blick ins Innere.
Selbst der Teller ist vorbildlich verpackt:
Und er ist richtig gut verarbeitet. Allerdings ist er auch sehr leicht und "klingelt". Aber noch einmal: es gibt ansonsten nichts zu beanstanden!
Auf dem Teller ist sogar noch eine Schutzfolie aufgeklebt. Wow.
Die Matte ist eine Mischung aus Gummi und Textil, fühlt sich schwerer an als man bei der Dicke (oder Dünne? ) vermuten würde und ist nicht so'n Mist wie die üblichen Filzmatten, die sich immer statisch aufladen (das tut diese Matte nämlich nicht):
Es gibt außerdem einen arretierten Puck, der allerdings windig ist, kann man nicht anders sagen. Er wird seinen Zweck dennoch erfüllen:
Die Beipack-Cinch-Strippe hat keine Masse-Litze, obwohl der Spieler auch ohne Phono-Pre benutzt werden kann und dafür einen Masse-Anschluss hat. Da weiß man, dass Sharp davon ausgeht, dass niemand den Spieler ohne den Pre benutzen wird
Ach ja - es gibt eine Fernbedienung. Und obwohl der Spieler den Ton auch per Bluetooth ausgeben kann - die FB arbeitet traditionell mit Infrarot:
Das übliche Steckernetzteil, man kennt das:
Und so sieht er zusammengebaut aus, im privaten Habitat und nicht auf Produktfotos:
Das verbaute System ist ein Bekannter und keine schlechte Wahl, denn es geht noch schlechter:
Die Betriebsanzeige "unter Strom":
Der TA ist nicht gerade montiert, vermute ich. Jedenfalls sieht es für mich danach aus. Schade! Er ist nämlich nicht nur geschraubt, sondern auch geklickt - das nützt aber nichts, wenn das "Headshell" schräg sitzt. Man kann das evtl. noch ausrichten, ich habe eine Schraube erfühlt.
Offen gestanden ist es sinnvoll, dass das Gerät keine Tonarmsicherung hat - was, wenn man per Fernbedienung den Spieler startet und der Tonarm arretiert ist? Wenig sinnvoll, denn dafür müsste das Gerät noch mehr Sensoren besitzen und das wäre dann irgendwann nicht mehr mit einem Low Budget-Spieler machbar. A apropos low Budget: schauen wir dem Gerät doch mal unter den Rock!
Die Unterseite habe ich schon oben gezeigt. Das Material ist echt gut und es ist gut verarbeitet:
So viele Schrauben (!!!) muss man lösen, um an das Innere zu gelangen:
Wenig spannend sind normalerweise die Unterschalen von innen. Und hier?
Zur Resonanzdämpfung ist ein Klotz eingeklebt. Er wiegt nicht viel, erfüllt aber seinen Zweck richtig gut, denn er ist dick und er füllt den großen Hohlraum aus, der durch die merkwürdige Gehäuseform entsteht:
Die Gegenseite des Tonarms sieht so aus, eigentlich übel auf den ersten Blick:
Man kann aber erkennen, dass es mehrere Lichtschranken gibt (insgesamt sind es vier, es müsste noch gleich ein Foto dazu kommen). Es gibt eine zentrale Platine, die die Steuerung und die Aufbereitung des Audio-Signals übernimmt. Das wird sauber voneinander durch Schirmung getrennt - hätte man einfacher haben können:
Auffällig ist, wie viel Mikroelektronik verbaut ist. Bei dem sauberen Aufbau und der perfekten Montage irritieren mich übrigens die vielen Fingerabdrücke auf dem Abschirmblech, unter dem sich wohl der Vorverstärker befindet. Der Bluetooth-Teil befindet sich links auf der Platine, dort ist auch die Antenne - also möglichst weit weg vom niedrigen Pegel, der vom TA kommt.
Für Michael ein Detail: kannst du mit der Nummerierung etwas anfangen? TT580? Hinweise auf ein Modell, das du vielleicht kennst?
Am Plattenspieler gibt es einen "Jog Shuttle", mit dem man "Vor- und Zurückspulen" kann. Die Platine enthält nur diesen Schalter:
Er ist genauso sauber verarbeitet und mit gesteckten Flachbandkabeln verbunden wie die anderen Platine, die auf der Front für Standby, Pairing und Co zuständig ist:
Überhaupt ist der Aufbau extrem sorgfältig und sauber gelöst. Im Prinzip sogar extrem servicefreundlich:
Hier kommt noch das angekündigte Bild mit den vier Lichtschranken für den Tonarm. Die Automatik macht tatsächlich exakte Punktlandungen beim Anfahren der Leerrile bei 12"- und 7"-Platten:
Der Motor wird nicht von der Zentralplatine aus geregelt, weil er seine eigene Regelung enthält. Es ist ein alter Bekannter, der u.a. auch im Dual CS455 verbaut wurde und das ewige Jahre. Er befindet sich auch im Ikea-Plattenspieler und im Marley "Stirr it up" und wer weiß wo noch...
Der Motor ist relativ robust, zuverlässig und nervt höchsten dadurch, dass er recht hoch dreht, was man hören KANN. Allerdings: im Sharp hört man ihn nicht - weder, wenn man vor der Kiste steht, noch in den Leerrillen der Platte! Das ist irre, denn er ist nicht besonders elastisch in der üblichen Drei-Punkt-Aufhängung montiert.
Was bleibt also? Ich versuche einmal, ein Fazit zu ziehen.
Wir haben einen Plattenspieler, den man für deutlich unter 200 € bekommt. Er ist extrem leicht, kommt in einem Plastikverhau daher, der Teller klingelt, das DC-Motörchen ist ein Schnell-Läufer. Der Tonarm erlaubt nur den Betrieb des mitgelieferten Tonabnehmers, der im unteren Segment angesiedelt ist. Da nützt auch die 1/2"-Befestigung nichts.
Auf der anderen Seite haben wir eine perfekte Verarbeitung, an der nichts auszusetzen ist. Eventuell ist der TA schief - das müsste ich aber noch erst überprüfen, um 100% sicher zu sein. Manchmal trügt auch die Optik der Handy-Kamera. Die Ausstattung ist irre - es fehlt nichts. Es gibt sogar eine Nadelbürste, einen zweiten Riemen, das Gerät ist fernbedienbar (Start, Stopp, Pause: Lift hoch und runter, Vor- und Rückwärts). Selbst das Pairing ist fernbedienbar. Das Gerät hat einen vernünftigen Pre-Amp und ist daher direkt an Aktiv-Boxen zu betreiben - oder eben an Bluetooth Boxen oder Kopfhörern. Das klappt gut und klingt gut. Der Teller klingelt dank der brauchbaren Matte tatsächlich nicht und der Gleichlauf ist erstaunlich gut. Der Motor ist leise und stört nicht - das ist schon fast unheimlich. Die Automatik ist absolut zuverlässig, auch wenn der dafür nötige zweite Motor gut hörbar ist. Er überträgt aber keine Geräusche ins Audio-Signal, weil dieses stumm geschaltet ist, bis die Automatik fertig ist.
Der Plattenspieler ist eine positive Überraschung. Ich hätte das nicht erwartet. Knallhart, wie ich bin, habe ich langsame, leise Klaviermusik abgespielt - und die Platte zu meinem eigenen Erstaunen durchgehört. Weil's geht, weil man's nicht nur ertragen kann, sondern, weil der Spieler genau das macht, was ein Plattenspieler machen soll: eine Scheibe möglichst gleichmäßig zu drehen, ohne dass man den Antrieb dabei hört.
Ich meine: wenn ein Newbie ein Gerät sucht, kann man dieses hier guten Gewissen empfehlen. Es gibt zwei Jahre Garantie, man kann direkt loslegen ohne zu schrauben und irgendwie ist das Gerät sogar auch optisch okay. Ich jedenfalls würde so eine Kiste jeder verranzten Raucher- und Kellerkiste vorziehen, die erst noch mühselig gereinigt und repariert werden muss - da kann sie hinterher immer noch "so viel besser sein". Es ist und bleibt dann immer noch eine altmodische Kiste. Und genau das ist dieser Spieler nicht.
Hallo Thomas,
Danke für dieses ausführliche und unterhaltsame Unboxing. Die von dir erwähnte Schraube zur Ausrichtung des „Headshells“ meine ich sogar auf Deinem Foto erkennen zu können.
Möglicherweise kann man mit dem Teil tatsächlich Platten hören, aber alleine die Tatsache für immer an diesen grausigen AT3600 Tonabnehmer gefesselt zu sein, ist für mich ein Unding und möchte ich auch niemandem empfehlen. Für vielleicht 20 Euro mehr, hättte man sicher ein bewegliches Gewicht und eine vernünftige Tonabnehmeraufnahme hinzufügen können. Dann würde ich deine Einschätzung teilen.
Wie hoch ist denn das Auflagegewicht? Gibt es da keine alternativen, die mit dem Auflagegewicht zurcht kommen. Kann man da nicht irgendwie was hinbekommen um das Gewicht zu verändern?
Dank der aussagekräftigen Bilder konnte ich die Herkunft des Spielers nun einwandfrei bestimmen.
Er kommt, wie schon im ersten Beitrag vermutet, von Leetac Electronics Technology Co., Ltd.
(Gestern, 11:58)Jan schrieb: Wie hoch ist denn das Auflagegewicht? Gibt es da keine alternativen, die mit dem Auflagegewicht zurcht kommen. Kann man da nicht irgendwie was hinbekommen um das Gewicht zu verändern?